Self, selfer, Selfie – Gedanken einer Bloggerin über den Spaß an der Selbst-Fotografie

Wenn ich für meine Blogposts fotografiere, dann kommen dabei immer viel mehr Bilder raus, als ich in den Beiträgen verwende. Wenn ich selbst drauf bin, gebe ich mir Mühe, nicht mit allzu seltsamen Grimassen in die Kamera zu gucken. Das ist nicht leicht und häufig muss ich ziemlich oft vor das Objektiv flitzen, nachdem ich eine Reihen-Selbstauslösung gestartet habe. Dabei entstehen ab und zu Bilder, die ich gelungen finde, die aber in die Posts einfach nicht reinpassen. Darum habe ich über ein Thema nachgedacht, zu dem diese “Abfall-Bilder” als Illustrationen passen würden. So kam mir die Idee, mal was über “Selfies” zu schreiben.

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Eigentlich wollte ich meinem Text eine Überschrift in der Art verpassen wie “Selfies: Eine Bildgattung zwischen kapitalistischer Entfremdung und Selbst-Ermächtigung”. Nachdem ich einmal drüber geschlafen hatte, fand ich diese Idee aber nicht mehr so gut. Denn so richtig sexy klingt das nicht – und meine Leser_innen sollen schließlich nicht schon nach der Überschrift genervt aussteigen.

Also: Wer diese kleine Einleitung durchgehalten hat, der steigt jetzt ins nächste Level auf. Denn nun geht es richtig los: Selfies! Google listet viele Artikel, in denen solche Bilder in Zusammenhang mit Narzissmus gebracht werden. Auf SRF Kultur.de ist zum Beispiel zu lesen:

“Das Selfie ist das ultimative Emblem dieses narzisstischen Zeitalters, oberflächlicher geht es kaum: Beim Selfie dreht es sich weniger um die Person an sich, sondern vor allem um deren Aussehen – und das will bewertet werden.”

Oh, oh, oh. In was für einem bösen Zeitalter leben wir denn da bloß?! Was in dem Artikel nicht zur Sprache kommt, sind historische Aspekte des ganzen Phänomens. Schauen wir mal ins Jahr 1471: Albrecht Dürer wird geboren, späterer Maler und seines Zeichens Selfie-Pionier. Dürers Selbstporträts gelten als Startschuss für ein ganz neues Künstler-Selbstbewusstsein. Das Selbstporträt markiert hier die Abkehr von einem Selbstverständnis als “Nur-Handwerker” – als jemand, der lediglich die Wünsche der Auftraggeber ausführt. Von diesem Zeitpunkt an haben Künstler sich selbst als kreative Subjekte begriffen, die wichtig genug sind, um sich selbst, ihre Stimmungen und ihre Rolle in der Gesellschaft in ihren Bildern zu thematisierenen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es ging um Selbstermächtigung – um einen emanzipatorischen Akt, um Befreiung.

Und was hat das jetzt mit den heutigen Selfies zu tun? Viele werden die folgende Situation kennen: Auf irgendwelchen Feiern wird wild herumgeknipst. Die Ergebnisse sind gern mal furchtbar: Rote Gesichter stieren kauend in die Kamera, verzogene Grimassen prosten einander mit aufgerissenen Augen zu und es wird “Cheeeeese!” gebrüllt als gäbe kein Morgen mehr. Ein paar Wochen später werden die frisch bei Rossmann gedruckten Bildchen herumgereicht. Darauf unfreiwillig festgehalten: Man selbst – in fataler Anmutung. So sieht man nicht aus und so will man auch nicht aussehen. Und schon gar nicht will man von anderen so gesehen werden. Trotzdem kursieren diese Bilder jetzt unkontrollierbar in einem beliebigen Kreis von Personen.

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Die Maske: Das ultimative Party-Accessoire bei Schnappschüssen aus dem Hinterhalt!

Klar, das ist im Grunde unwichtig und banal. Trotzdem kann es unangenehm sein, weil sich ein Gefühl von Bemächtigung einstellt. Will man nicht. Und ja – tatsächlich – Selfies funktionieren erfrischend anders. Hier tritt die sich selfende Person in einen Dialog von sich zu sich. Selbst-Verfügung und Selbstermächtigung. Jeder Klick ein subjektivierender Akt: “So sehe ich mich, so möchte ich gesehen werden.” Oder ein noch stärkeres Statement: “So BIN ich.” Beim Selfie ist vieles möglich: Vom schnellen Schnappschuss bis hin zur aufwändigen Selbst-Inszenierung. Letzteres ist besonders spannend: Denn hier wird ein Spiel mit Selbstbildern und Identitäten möglich. Zuschreibungen von außen können durch die Darstellung seiner selbst zurückgewiesen, richtiggestellt und und unterlaufen werden. Das platte Verdikt “Narzissmus” zerbröselt im kreativen Akt des Selbstexperiments.

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Und noch etwas, das zum Thema “Selfies” dringend gesagt werden sollte: Lange Zeit war die Fotografie männlich. Die Männer standen hinter der Kamera, die Frauen davor. Der Mann war Subjekt, die Frau (Ich vereinfache und verflache an dieser Stelle bewusst, um das Grundsetting möglichst krass herauszuarbeiten. Mir ist klar, dass es so eindimensional nie war) Objekt des Blicks. Das Selfie dagegen sehe ich als Chance eines selbstbestimmten weiblichen Blicks auf die eigene Person. Als Chance wohlgemerkt! Denn natürlich liegt hier auch die Gefahr, dass Frauen sich (nur) inszenieren, um Männern zu gefallen, den entfremdenden Blick also selbst internalisiert haben.

Doch wie ist es zu erkennen, ob ein Bild selbstermächtigend inszeniert ist oder außengesteuert? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Woher weiß ich, was ich “wirklich” will und was ich nur “will”, weil ich gelernt habe, genau DAS zu wollen? Ich denke, es ist unmöglich, so etwas wie den “wirklichen, echten, authentischen Kern” (s)einer Persönlichkeit zu greifen. Ein guter Indikator für Selbstermächtigung oder Entfremdung ist vielleicht die Frage “Stärkt eine bestimmte Art der Selbst-Inszenierung mein Selbstbewusstsein oder werden dagegen meine Selbstzweifel angeheizt?”

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Es gibt noch eine tiefsinnigere kritische Überlegung zu Selfies, als der Einwand von Oberflächlichkeit und Narzissmus. Das ist die Überlegung, dass Selfies im Grunde ein kapitalistisches Projekt von Selbstmarketing seien: “Seht her: So frisch, hübsch, trendy, cool und fröhlich bin ich (Subtext: Ich bin fit und leistungsfähig)! Und an so tollen, spannenden und aufregenden Orten war ich schon (Subtext: Ich bin welterfahren und funktioniere überall!).” Die Selbst-Darstellung im Netz wird hier als Demonstration von Selbstoptimierung und Vermarktung interpretiert. Natürlich nicht als bewusst geplant und beabsichtigt, sondern als immer ungewollt vorhandene zweite Ebene eines vermeintlich unschuldigen Tuns.

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Diese Überlegung ist meiner Ansicht nach nicht ganz unberechtigt. Allerdings – und das schränkt ihre handlungsleitende Bedeutung für mich stark ein – gilt das für mehr oder weniger jede Beschäftigung. Wir existieren nunmal innerhalb einer bestimmten Ordnung der Dinge. Über nahezu alles lässt sich sagen, dass es eine Seinsweise stabilisiert, die durch Wirtschaft und Markt wesentlich geprägt wird. Eine kleine Kostprobe? Sport: macht einerseits Spaß, macht den Körper andererseits leistungsfähig für die Anforderungen des Arbeitslebens. Essen: hier gilt das Gleiche. Sex: macht Spaß, bringt Ausgeglichenheit und ausgeglichene Menschen bringen mehr Leistung. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Damit wird die Position, dass gerade und ganz besonders die Selfie-Schießer mit jedem Klick mehr oder weniger unfreiwillig kapitalistisches Marktdenken abfeiern, für mich extrem relativiert. Doch während hier die Kritik als solche noch interessant ist, erscheint der “Einwand” des Narzissmus grundsätzlich als Ausdruck einer spaßfeindlichen, calvinistisch-moralinsauren Geisteshaltung: “Selbstliebe als Verblendung und Ablenkung vom Höheren, Eigentlichen und Wahren.” Grusel, grusel, grusel.

Jetzt interessiert mich natürlich: Was ist mit euch? Was denkt ihr über Selfies? Marktkonforme Selbstoptimierung? Peinlicher Narzissmus? Emanzipierte Selbst-Inszenierung? Alles zusammen? Oder nichts davon? Ich bin gespannt.

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8 Gedanken zu “Self, selfer, Selfie – Gedanken einer Bloggerin über den Spaß an der Selbst-Fotografie

  1. Klug „aufgebröselt“. Selfies müssen ja offensichtlich auch Spaß machen, sonst gäbe es nicht so viele, aber eine Portion Narzissmus ist wohl auch dabei.

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  2. @Hiltrud: Thanx! Ich denke, eine wichtige Motivation ist auch das Bedürfnis, Situationen oder Lebensstationen festzuhalten. Eine Art visuelles, digitales Tagebuch.

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  3. Selfies haben nach meinem dafürhalten wenig mit Narzissmus zu tun. Selfies sind vermutlich einfach nur durch die technischen Möglichkeiten entstanden. War man früher dazu verdonnert sich passiv ablichten zu lassen kann man nun, schnell und unkompliziert, selbst tätig werden.

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